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Pathos und Mythos Richard Bersch: Pathos und Mythos. Eine außergewöhnliche Studie über das
belletristische Werk Werner Helwigs Eine
Buchbesprechung von Erik Martin In Dingen der Kunst muss Anstoß erregt werden:
Wohlwollen kann da bisweilen tödlich sein. Bücher des Schriftstellers Werner
Helwig (1905-1985) wurden von vielen seiner Kollegen gelobt, so von Jahnn,
Krolow, Piontek, Hesse, Fritz, Jokostra, Sieburg, Italiaander, Eich und Jean
Améry, aber in zwei Literatur-Lexika („Handbuch der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur“, 1990, und „rororo-Autorenlexikon“, 1991) ist Helwig
nicht erwähnt. (In Walther Killys „Literatur Lexikon“ (1990) erhielt er
allerdings von Maria Frisé eine kenntnisreiche Würdigung.) Hat Helwig zu wenig
angeeckt? Oder
spielte eine Rolle, dass Helwig nach 1945 freiwillig (seiner Schweizer Frau
zuliebe) weiter im Exil blieb? Er fand auch nicht, wie Hans Sahl oder Albert
Vigoleis Thelen, in seinen letzten Lebensjahren einen Weg zurück nach Deutschland,
sondern erst nach seinem Tode (er liegt im Sauerland begraben.) Mit Hans Sahl
und A. V. Thelen hat Helwig eines gemeinsam: Die von den fünfziger Jahren an
tonangebende GRUPPE 47 beeinflusste den deutschen Literaturbetrieb und die
literaturtheoretische Meinungsbildung so stark, dass Autoren, die nicht ihrer
Vorstellung und Forderung nach einem Neubeginn der Literatur entsprachen,
wenig Chancen hatten. Auch Wolf von Niebelschütz z.B. hatte verhältnismäßig
geringe. Und genauso lagen Helwigs sinnlich-kunstvolle Sprachschöpfungen mit
den Beschwörungen mythischer Hintergründe außerhalb der literarischen
Zeitströmung und machten ihn zum Außenseiter. Nur eine kleinere Leserschaft
schätzte ihn und blieb ihm treu. So
ist man recht gespannt, wenn nun zum ersten Mal das belletristische Werk
dieses Schriftstellers Gegenstand einer größeren literaturwissenschaftlichen
Untersuchung geworden ist. Richard Bersch hat rund sechs Jahre intensiv an
seinen „Studien zum Werk Werner Helwigs“, denen er den Titel PATHOS UND MYTHOS
gab, gearbeitet, und das Ergebnis ist verblüffend. Was dieser kreuzgescheite
und belesene Autor an Ursprüngen, Gedanken, Verbindungen, Deutungen des
helwigschen Werkes offen legt, lässt einen beschämt ahnen, mit welcher
Oberflächlichkeit wir oftmals Bücher lesen. Je weiter man als Leser
vordringt, staunend, denn Bersch legt unerwartete Zusammenhänge dar, desto
mehr überkommt einen die Gewissheit, dass die wirkliche Bedeutung des
Dichters und Schriftstellers Helwig von der Literaturwissenschaft neu
bewertet werden muss. Im
Zentrum von Berschs Studie stehen die beiden Oberbegriffe PATHOS und MYTHOS
als die Pole des Spannungsfeldes, dem das Werk Werner Helwigs seine Existenz
verdankt. Sie sind zurückzuführen auf Autoren, deren Werke Helwig stark mit
ihren dem Mythos verpflichteten Weltentwürfen und Heilslehren beeinflusst
haben (u.a. Jahnn, Däubler und Fuhrmann), und das sind, so Bersch, zum einen
„das Leiden an einer konfliktreichen und durch Polaritäten geprägten
Wirklichkeit“ und zum anderen „die Suche nach einem sinngebenden und
ordnungsstiftenden Zusammenhang, von dem die Lösung des Lebensrätsels
erwartet wird“. Die
Interpretationen, die Bersch nun bringt, zeigen eine oftmals kaum vermutete
Tiefe eines Werkes auf, das nach den in der Studie gegebenen Hinweisen, von
denen hier nur einige stichwortartige Andeutungen erfolgen können (z.B. dass
Helwigs Leidensthematik ganz vom Odysseusmythos geprägt ist oder dass ein
fundamentaler Zusammenhang zwischen der zentralen Bedeutung des Leibes und
dem sich in den Träumen äußernden Unbewussten besteht („leiblich denken“)
oder wie Mythos als „heilende Geschichte“ wirkt), zum erneuten Lesen der
Helwig-Bücher reizt. Zusammenfassend schreibt Bersch: „Im Rückgriff auf den Mythos
dagegen ist der Versuch zu sehen, den Zustand der Partikularität zu
überwinden, in der sich das Subjekt im Verhältnis zum Du und zur Welt, aber
auch die Dinge der Welt zueinander befinden. Zu diesem Zweck versucht Helwig,
eine vergangene Seinslage dichterisch wiederzubeleben, in der nach seiner
Vorstellung die Trennung von Ich und Welt weniger scharf war, weil sie sich
in einem träumerischen Zwischenreich aufhob, eine Seinslage, wie sie für ihn
in der mythischen Zeit des „Raumtraumzeitalters“ gegeben war, wo der
Naturraum, ein seiner Sinne in vollem Umfang mächtiger Leib und das Unbewusste
in erotischem Kontakt miteinander ein Sinn und Orientierung gewährendes
Bilderwissen hervorbringen konnten.“ Berschs
Sprache (sie ist an manchen Stellen literaturwissenschaftlicher Fachjargon,
bleibt aber meist für den Laien noch verständlich) sollte den Leser nicht von
der Lektüre abhalten, da die Erkenntnisse, die er gewinnt, die Mühe wert
sind. Zum Beispiel über den „Sprachleib“, den Bersch in einem Kapitel
erklärt. Dass Helwig ein Meister der Sprache war, ist stets von allen Rezensenten
anerkannt worden. Wie bewusst Helwig an der Sprache gearbeitet hat, erklärt
er selbst in der (unveröffentlichten) Erstfassung seines Buches „Trinakria
oder die wunderliche Reise“: Ich will mich in die Sprache einweben
wie in einen zweiten Leib. Ich will sie mir überstreifen wie eine andere Art
Fleisch, eine andere Art Gestalt. Und ich will dieses mein Sprachgesicht in
alle Gegenden des Unerforschlichen kehren. Ich will die Augen meines
Sprachgesichtes schärfen und immer damit Ausschau halten nach den
Unsäglichkeiten. Schade,
dass Helwigs (meiner Meinung nach bedeutendstes) Buch vom persönlichen Leiden
des Dichters, nämlich „Totenklage“ (Joachim Günther meinte 1984 in den NEUEN
DEUTSCHEN HEFTEN, dass es vielleicht das
überbleibende Werk Helwigs sei), keine Berücksichtigung gefunden hat. Dieses
völlig anders geartete Alterswerk wäre im Rahmen von Berschs Studie über die
frühen Helwig-Romane auch nicht leicht einzuordnen gewesen. Ganz
wichtig für das Verständnis von Helwigs Schaffen ist das Anhang-Kapitel
„Werner Helwig und seine Zeit: Beziehungen und Einflüsse“. Hier wird u.a.
verdeutlicht, wie nachhaltig das Lebensgefühl des Schriftstellers von seiner
Zeit im „Nerother Wandervogel“ geprägt wurde. Ebenso interessant ist der
biographische Abriss, der mit einigen Legenden (z.B. dass Helwig lange unter
griechischen Raubfischern im Pelion gelebt habe) aufräumt (es gab lediglich 3
kurze Griechenlandreisen). Der
letzte Teil des Anhangs bringt ein Verzeichnis der Schriften von und über
Helwig. Die Bibliographie ist, was Helwigs umfangreiches kritisches Werk
(Rezensionen und Essays) in Zeitungen und Zeitschriften betrifft,
verständlicherweise nur in einer repräsentativen Auswahl erstellt. Bei der
Auswahl der Lyrik hätte ich persönlich gerne einige andere Titel aufgeführt
gesehen, z.B. seine „Warnung vor Worten“. Es
bleibt zu hoffen, dass diese erstaunliche Studie in der Vielzahl der
Neuerscheinungen nicht untergeht, sondern ihrem Wert entsprechend
aufgegriffen und weiterverarbeitet wird. Das wäre Helwig und Bersch zu
gönnen; sie haben es verdient. Erik Martin in: Muschelhaufen Nr. 30 (1993), S.
71-74 (hier ohne Fußnoten und Fotoabbildung) Richard Bersch: Pathos und
Mythos. Studien zum Werk Werner Helwigs mit einem bio-bibliographischen
Anhang. (Trierer Studien zur Literatur 22), Verlag Peter Lang, Frankfurt/M.,
Berlin, Bern, New York, Paris 1992, 226 Seiten, ISBN 3631445415, 46.- € |