Edgar Lersch

„Es hat ein jeder Toter des Bruders Angesicht.“

Reflexionen eines Nachgeborenen über Heinrich Lersch

 

Über meinen Großvater Heinrich Lersch zu schreiben, bedeutet für mich, von ambivalenten Erfahrungen zu berichten, von gemischten Gefühlen bei der Beschäftigung mit seinem Werk sowie von widersprüchlichen Erfahrungen und Eindrücken einerseits, die sich im Umgang mit dieser die Familiensaga beherrschenden Figur einstellten. Andererseits will ich auch eingangs eingestehen, dass ich das Werk nicht sehr gut kenne.
Schon die frühesten Erinnerungen sind geprägt von den Erfahrungen eines Zwiespalts, einer Distanz zwischen den Familien des einen eher unkonventionellen Lebensstil frönenden Poeten und Schriftstellers - und auch teilweise seiner Brüder − und den Lebensmaximen des bürgerlichen Geschäftshaushalts meiner Großeltern mütterlicherseits, in dem ich aufgewachsen bin und in den mein Vater, der älteste Sohn von Heinrich Lersch, nach dem Ende des 2. Weltkriegs einheiratete. Sobald ich als Kind dazu in der Lage war, spürte ich etliche Abneigungen, Spannungen, Missstimmungen. Ich konnte sie mir − wie das immer der Fall ist in diesem Alter − damals nicht recht erklären, mir wurden sie auch nicht erläutert, und ich werde diesen Komplex vermutlich nie mehr in Gänze aufklären können, was keineswegs eine singuläre Erfahrung ist.
Dazu gehört auch ein die ganze Situation charakterisierendes Erlebnis. Als Kind stöberte ich gerne auf den Speichern und den Abstellräumen des Elternhauses und der (groß-)elterlichen Gärtnerei herum, in denen sich in den 50er Jahren noch vieles unaufgeräumt aus den 10ern, den 20ern fand. Eines Tages entdeckte ich einige verstaubte Kisten mit älteren Büchern, die mir sehr seltsam vorkamen und deren Herkunft ich nicht identifizieren konnte. Unter anderem erinnere ich mich an einen Band mit einem Versepos von Josef Winkler „Der chiliastische Pilgerzug“ mit unverständlichem Inhalt und merkwürdigen Abbildungen. Ich habe dann immer wieder in den Kisten gestöbert, gefragt habe ich − weil meine Streifzüge nicht gerne gesehen waren − nicht nach ihrer Herkunft. Erst Jahre später war ich dann sicher, dass es sich um das Drittel der Bibliothek meines Großvaters gehandelt hatte, das mein Vater übernommen hatte. Es waren Bücher, die über zwanzig Jahre in Bodendorf im Bücherschrank gestanden hatten und die nach dem Umzug der Großmutter in ein Altersheim wohl ziemlich schematisch zwischen den Geschwistern Lersch aufgeteilt worden waren. Als ich sie dann Jahre später nun doch säuberlich im elterlichen Bücherfundus aufgestellt wieder fand, wurde mir klar, um welchen Schatz es sich gehandelt haben muss. Ich selbst war nun Experte geworden für Literatur und Kunst der Weimarer Republik und gerade auch der Kultur der Arbeiterbewegung in allen ihren Facetten. Schade, dass die kleine, vermutlich exemplarische Bibliothek der 20er Jahre zerstreut worden war. Sie muss zahlreiche Bücher enthalten haben, die ich mir später zumindest eine Zeitlang für teures Geld in Antiquariaten zusammenkaufte.
Von den Werken des Großvaters habe ich durch das Elternhaus nicht viel erfahren: sehr früh las ich das „Manni“-Buch, das ich quasi als Kinderbuch in die Hand gedrückt bekam, dieses konnte auch ein 10jähriger lesen. Ich amüsierte mich über den dort geschilderten Kindermund und die Situationskomik, vermochte meinen Vater allerdings kaum darin wiederzuerkennen. Größer geworden blätterte ich hin und wieder in den verschiedenen Bänden mit den einzelnen Werken, aber ich verstand wenig bis nichts. Beim Zugang zu dem Teil des Friedhofs meiner Heimatstadt, der für die im Lazarett Bad Neuenahr verstorbenen Soldaten reserviert war, wurde irgendwann eine Tafel errichtet mit dem Lersch-Gedicht:
„Wanderer steh!
Ich sage dir, wenn du dich heute Nacht zum Schlafen legst
Du nicht nach den toten Soldaten frägst....“
Es endet:
„Denn ich und alle die hier liegen
Starben für Deutschlands Kämpfen und Siegen.
Und nun muß Deutschland unser gedenken und für uns stehn,
Sonst mag und wird Deutschland zugrunde gehen.
Wanderer, geh!“
Es ist verständlich, dass mich damals der martialische Inhalt nicht weiter zum Nachdenken anregte. In diesen Jahren verband mich mit dem Großvater auch nicht viel mehr als die Tatsache, Nachkomme eines irgendwie bedeutenden Schriftstellers zu sein. Dieses Bewusstsein wurde dann und wann auch befestigt, wenn die Familie an Gedenkveranstaltungen teilnahm, so z.B. zum 25jährigen Todestag von Heinrich Lersch 1961 in Bad Neuenahr, auf der unter anderem Lerschs alter Dichterkollege, Max Barthel, sprach. Ich weiß nicht genau, ob mich die aus dem Unverständnis genährte Erinnerung trügt, dass als Wichtigstes an Lerschs Lebensweg immer wieder die Tatsache hervorgehoben wurde, dass es nun ein Kesselschmied zum weithin anerkannten Dichter gebracht hatte, aber warum dies so war und was an seinem Werk bedeutsam sein könnte, das entzog sich mir weitgehend auch die ganze Jugendzeit. Vielleicht war ich damals auch wirklich noch zu unerfahren, so dass der mich später interessierende Zwiespalt zwischen dem katholisch orientierten und einzelgängerischen Heinrich Lersch und den sozialdemokratischen bzw. der KPD nahe stehenden Literaten aus dem Arbeitermilieu damals noch kein Thema war. Er war für mich halt der Arbeiterdichter, der allerdings mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hatte, das erfuhr ich doch, und es war mir nicht so angenehm.
Selber gelesen habe ich Gedichte und auch die Romane damals kaum, trotz aller Bildungsbeflissenheit in diesen Jahren. Ich gab jeweils rasch auf bei der Lektüre. Die Gedichte waren offensichtlich zu sperrig, vor allem, wenn ich an die langen Sonette über die Arbeitswelt denke. Als Schüler und Student interessierten mich viele andere Fragen, zuerst Theologie und Kirche, später dann − nach 1968 − Gesellschaft und Zeitgeschichte, und mit Beginn meiner Dissertation über die Kulturpolitik der jungen Sowjetunion die Kultur der Arbeiterbewegung, in die aber Lersch nicht so recht hineinpasste, obwohl es manche Anknüpfungspunkte gab.
Was nun die Laudatoren und Autoren − etwa in den Feuilletons der Regionalpresse − an Interpretationen, vielleicht sogar Vereinnahmungen vornahmen, das müsste noch einmal nachgearbeitet werden, wie ich beim flüchtigen Durchblättern der seit etwa meinem 15. Lebensjahr gesammelten Zeitungsausschnitte, Rundfunkmanuskripte und anderer Beiträge feststellte, eine Arbeit, die ich für diesen Zweck allerdings nicht auf mich nehmen konnte und wollte. Eines spielte aber bei manchen von ihnen vermutlich eine wichtige Rolle: viele hatten Lersch noch persönlich gekannt, und es wurde möglicherweise von einem faszinierenden Vorleser und Erzähler gesprochen, der er wohl gewesen sein muss und der große Säle in seinen Bann ziehen konnte.
Indem ich nun auch die literaturwissenschaftlichen Beiträge über den Großvater verfolgte, traf ich bald auf die ersten Bewertungen aus der ‘kritischen’ Germanistik der Nach-68er Jahre. Als deklassierter Kleinbürger wurde er beschrieben in der Terminologie der Zeit - und in der Tat, er kam ja nicht aus der Arbeiterschaft, dem ‘echten’ Proletariat, war eben kein Linker oder gar Kommunist wie andere Zeitgenossen gewesen, die sich gleichfalls an Literarischem versucht und Klassenbewusstsein bewiesen hatten, weder dem „Geist von 1914“ gehuldigt noch die von Heinrich Lersch betriebene Anpassung an den Nationalsozialismus mitgemacht hatten. So war ich von da an hin und her gerissen in der Bewertung dessen, was Heinrich Lersch und sein Werk ausmachten. Neben vielen Romanen aus der Arbeitswelt und frühsowjetischen Romanen las ich dann in den 70er Jahren endlich auch die „Hammerschläge“. Enthielten die Autoren vom Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller zu viel meiner Meinung nach schematischen Mustern erarbeitete Darstellungen der Arbeitswelt und der so genannten Klassenbeziehungen, so konnte ich allerdings mit dem Pathos des Großvaters, mit seiner spezifischen Art die Erfahrungen in der Arbeitswelt zu beschreiben, wenig anfangen. Die Arbeitswelt mit religiösen Begriffen zu beschreiben, lag mir sehr fern, Verbindungslinien zu den anderen erwähnten Autoren gab es für mich kaum. Eine meinte ich jedoch zu mir selbst zu entdecken, nämlich die, dass er eine mit widersprüchlichen Charaktereigenschaften und sich widersprechenden Zielvorstellungen ausgestattete Persönlichkeit war, hin und her gerissen zwischen Engagement und Verweigerung, dem Wunsch sich in die Gemeinschaft, vielleicht ins ‘Kollektiv’ zu integrieren und sich dann doch auf sich selbst zurückzuziehen: dem fühlte ich mich − so schmeichelte ich mir gelegentlich ein wenig selbst − verwandt, das war mir durchaus vertraut. Ein solches Bild hatte schon in einfühlsamen Formulierungen der Germanist Johannes Klein gezeichnet. Es findet sich in der Einleitung der 1965 noch im Eugen Diederichs Verlag erschienenen beiden Bände der „Gesammelten Werke“, und dann noch viel pointierter und in seiner unnachahmlichen Art zusammengefasst von Martin Walser, veröffentlicht als Nachwort für die Neuausgabe der „Hammerschläge“ in der Edition Suhrkamp von 1980. Dieser Essay, der nicht mit harschen Urteilen und eindeutigen literarische Wertungen geizt, aber vor voreiligen Kategorisierungen warnt und sich um zeitgeschichtliche Einordnung bemüht, ist vielleicht das Beste, was in so knapper Form über Heinrich Lersch geschrieben wurde.
[Wo schon von Ein- und Hinführungen die Rede ist: die bisherige Literatur unter dem mehr biographischen, kaum literarischen Aspekt fasst Rudolf Wildermann im 2. Band der „Zeugen städtischer Vergangenheit“ 1986 zusammen. Das leider an sehr entlegener, kaum erreichbarer Stelle − es handelt sich um die Festschrift der Sebastianus-Schützenbruderschaft in Bodendorf von 1981 − publizierte Porträt meines langjährigen (Schul-) Freundes und Enkels des Heilpraktikers Matthias Leisen, Günter Haffke, will ich ebenfalls erwähnen. Um in der Nähe von Leisen leben zu können, war die Familie Lersch Anfang der 30er Jahre von Mönchengladbach an die Ahr nach Bodendorf gezogen. Haffke bettet die letzten fünf dort verbrachten Lebensjahre in den mit großer Sachkenntnis erarbeiteten Gesamtrahmen der Biographie ein.]

Für mich blieb im weiteren Verlauf der Jahre immer die Frage offen, was denn nun die Bedeutung von Heinrich Lersch ausmache. Als Historiker und gerade auch Kenner der Kultur der Arbeiterbewegung – allerdings ausgerechnet für Lyrik wenig aufgeschlossener Zeitgenosse – beabsichtigte ich immer wieder einmal, unter sozialgeschichtlichen Aspekten der Biographie noch die ein oder andere Facette abzugewinnen, aber weder die vorhandene Sekundärliteratur noch ein Nachlassteil privater Korrespondenz ergab für mich erstaunlicherweise dazu etwas her; jetzt wieder gefundene An- und Unterstreichungen zum Zwecke von Veröffentlichungen in den Gesammelten Werken verweisen mich auf bekannte Topoi, nämlich die seines widersprüchlichen Charakters. Viel mehr hatte ich vor vielen Jahren offensichtlich nicht herausarbeiten können. Ich verlor die Thematik auch zeitweise wieder aus dem Blick. Jedenfalls, das, was anderen Nachgeborenen gelang, nämlich eine fundierte Abhandlung über einen bedeutsam gewordenen Vorfahren zu schreiben, brachte ich bis heute zu meinem Verdruss trotz etlicher Anläufe nicht zustande.
Ganz los lässt mich der Ahn aber nicht. So weit mir zugänglich, spüre ich seinem Rang und seiner Bedeutung nach wie vor nach. Außerdem werde ich dann und wann mit den widersprüchlichen Aspekten seines Werkes konfrontiert. Bereits in den 70ern entzündete sich am Hamburger Infanterie-Ehrenmal in der Nähe des Dammtor–Bahnhofs eine heftige Kontroverse um seinen wohl berühmtesten Vers. „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“, dieser Satz ist in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen, er wird immer wieder − oft auch ohne Autorenangabe − zitiert. Es gab damals Forderungen, ihn zu entfernen. Wenn ich gelegentlich dort vorbeikomme, lese ich ihn immer noch.
Für sich genommen und aus heutiger Sicht stellt der Kehrreim des „Soldatenabschied“ eine ungeheuerliche Übersteigerung nationalen Wahns dar. Seine Aussage wird dadurch relativiert, dass er ein Zeugnis unter vielen darstellt, die der „Geist von 1914“ hervorgebracht hat. Es gibt ähnliche und vielleicht schlimmere Bekundungen des Nationalismus bei Kriegsausbruch, von bedeutenden Schriftstellern und berühmten Hochschullehrern,
die es eigentlich hätten besser wissen müssen als der Kesselschmied aus dem Rheinland. Nichtsdestoweniger ist für mich die Konfrontation mit diesem Satz, mit dem ganzen Gedicht, stets eine Herausforderung.
Meine Frau, meine beiden jüngeren Kinder und ich verbrachten 1994 an der belgischen Nordseeküste einen Sommerurlaub, übrigens zufällig in Middelkerke, in dem Ort, den mein Vater, „Manni“ genannt, 1940 schwimmend erreicht hatte, nachdem er am Tag der Kapitulation des neutralen Belgien nach einem Flug gegen England 10 km vor der Küste abgeschossen worden war. Mein Frau und ich haben beide Geschichte studiert und waren und sind der Ansicht, mit den Kindern die Erinnerungsorte der deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts aufzusuchen. Wir taten dies vor allem, wenn die Stätten am Wege von (Urlaubs-)Reisen bzw. in der Nähe von Urlaubsorten lagen: etwa das ehemalige KZ Sachsenhausen, die Todesmühlen in Verdun und in diesem Falle die Schlachtfelder in Flandern.
Es war ein glühendheißer Samstagvormittag im August 1994, als wir die Soldatenfriedhöfe von 1914 aufsuchten. Wir fuhren − vermutlich mit Hilfe eines Reiseführers darauf aufmerksam gemacht − zum Friedhof Vladslo, auf dem Peter Kollwitz, der Sohn der Bildhauerin Käthe Kollwitz begraben liegt. Dort sind am Beginn der nicht enden wollenden Reihen mit Gräbern die beiden berühmten Statuen „Elternpaar“ aufgestellt, die wir bis dahin nicht kannten. Wir haben sie als die Eltern Kollwitz betrachtet, die ihren gefallenen Sohn Peter betrauern, der hier begraben liegt. Die weibliche Statue porträtiert eine gebeugte, verhärmte Mutter, die männliche einen aufrecht knienden, trotzig die Arme vor der Brust verschränkenden Vater, der − so hatten es auch sofort die damals knapp siebenjährigen Töchter erkannt − das Leid nicht an sich herankommen lassen will, eine typisch männliche Verhaltensweise, wie wir meinten. Wir alle waren tief berührt und beeindruckt und dies erst recht, als wir bald das Grab von Peter Kollwitz fanden, der bereits im Oktober 1914 gefallen war.
Bevor es dann nach Ypern weiterging, machten wir noch Halt bei einem weiteren Friedhof, es war der von Langemarck. Auf diesem Friedhof lagen nur deutsche Soldaten des 1. Weltkriegs, wiederum Gräber von Zehntausenden, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Unter großen, Schatten spendenden Bäumen gingen wir auch hier die Reihen der Gräber entlang, lasen die kleinen Grabplatten mit den Aufschriften der Namen und Geburtsdaten. Wir rechneten für die hier Begrabenen angesichts ihres frühen ‘Helden-tods’ eine kurze Lebensspanne aus, eine bescheidene Möglichkeit für uns Eltern, den Kindern die Namen etwas aus der Anonymität zu heben und ihnen etwas von dem Schrecken der Kriegsereignisse zu vermitteln. Nach einiger Zeit verließen wir den in den zwanziger Jahren errichteten Friedhof wieder, der ummauert war und ein gemauertes Eingangstor besaß. Erst beim Herausgehen entdeckte ich auf dem inneren Türsturz etwas versteckt und auch bereits ein wenig verwittert, den mir wohl vertrauten Vers: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen“, übrigens ohne Angabe des Verfassers. Zuerst war ich erstaunt, dass es möglich war, schon wenige Jahre nach dem 1. Weltkrieg in Belgien eine derartige Aufschrift anzubringen. Dann machte mich die Zeile angesichts des hunderttausendfachen Todes sehr traurig und nachdenklich: Wie froh wäre ich gewesen, an dieser Stelle auf etwas zu treffen, was den beiden Statuen der Käthe Kollwitz entsprochen hätte, gerade auch, um dies dann den Kindern als Schöpfung eines Menschen zu erläutern, der zu ihren Vorfahren gehört.
In solchen Augenblicken erinnere ich mich − wie auch andere, die sich mit Heinrich Lersch beschäftigen − dann des anderen Gedichts, des zweiten, das ich aus dem Opus des Großvaters doch sehr früh kennen gelernt hatte. Viel lieber wäre es mir gewesen, wenn die nachfolgenden Zeilen, oder einige davon über dem Türsturz gestanden hätten, die eine andere Seite vom Werk Heinrich Lersch offenbaren:

„Es lag schon lange ein Toter vor unserem Drahtverhau.
Die Sonne auf ihn glühte, ihn kühlte Wind und Tau.

Ich sah ihn alle Tage in sein Gesicht hinein
und immer fühlt ich’s fester: es muss mein Bruder sein.

Ich sah in allen Stunden, wie er so vor mir lag,
und hörte seine Stimme aus frohem Friedenstag.

Oft in der Nacht ein Weinen, das aus dem Schlaf mich trieb:
Mein Bruder, lieber Bruder - hast du mich nicht mehr lieb?

Bis ich, trotz aller Kugeln, zur Nacht mich ihm genaht
und ihn geholt - Begraben - : Ein fremder Kamerad.

Es irren meine Augen - mein Herz, du irrst dich nicht:
es hat ein jeder Toter des Bruders Angesicht.“

Ich habe es immer so interpretiert, dass mit dem „fremden Kameraden“ ein Soldat gemeint ist, der der gegnerischen Seite angehört; diese Einschätzung könnte das „Deutschland muss leben“-Pathos ja fast aufwiegen. Aber dass dem so ist, dessen bin ich mir beim intensiven Wiederlesen gar nicht mehr so sicher, aber man kann es zumindest so interpretieren. Wie dem auch sei, diese Verse gehören zu einer ganzen Anzahl von weniger bekannten Gedichten aus dem Krieg, die nichts mehr vom „Geist des August 1914“ spüren lassen, sondern das Elend des Stellungskrieges schildern, der Heinrich Lersch im übrigen seine Gesundheit kostete und mit zu seinem frühen Tod beitrug.
Nimmt man diese beiden Gedichte, fügt das „Selbstbildnis“ hinzu
„Ich bin, wie du ein armer Knecht,
Bin ein Prolet von Gottes Gnaden.
Mit allem was da gut und schlecht,
Bin ich ein Mensch, von Gott beladen“
und die „Hammerschläge“ hinzu, so ist das aus seinem Werk beschrieben, das in der jüngeren Literatur über Heinrich Lersch über die Konzentration auf seine Biographie hinaus einer näheren Betrachtung und durch längere Zitate gewürdigt wird. Bezug genommen wird gelegentlich auf das Manni-Buch mit den erwähnten Geschichten vom ältesten Sohn Gerhard (1989 wurde das Buch mit Zeichnungen des Dichterenkels Martin Lersch noch einmal aufgelegt, sicher auch wegen des lokalen Sprachkolorits noch immer eine Attraktion für seine Heimatstadt und den Niederrhein). Damit ist auch der Umfang aus dem Werk meines Großvaters bezeichnet, den ich mir selbst bewusst angeeignet habe. Ich neige dazu, mit Martin Walser festzustellen: „Wer seine Gedichte liest, muß zugeben, sie sind nicht gut. Die besten sind Whitman-Echo, die meisten erschöpfter Schiller“ (S. 264), und − so würde ich ergänzen − häufig epigonaler Spätexpressionismus. Davon geprägt sind durchaus teilweise die Briefe, die in verschiedenen Bänden veröffentlicht worden sind und das spontane Zugehen auf Menschen erkennen lassen, und doch ebenso wenig frei sind vom Überschwang der Gefühle, der uns heute fremd ist.
Walser schreibt am Ende seines Essays:
„Wer sich für die Geschichte der menschlichen Arbeit interessiert, wer es interessant findet, wie einer, was er tun muss, sinnvoll machen will..., der kann die Hammerschläge lesen, ohne dass er Schaden nähme an seiner Seele. Es ist der Roman eines deutschen Jünglings, sehr deutsch, sehr katholisch, sehr kleinbürgerlich, sehr sozialistisch. Weiß jemand ein gewinnenderes Ensemble?“
Ist dann Heinrich Lersch im Wesentlichen nur noch von historischem Interesse und als Gegenstand nur noch bedeutsam für germanistische Spezialuntersuchungen? Ich versage mir eine Antwort und verweise bedauernd auf das Projekt einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Dissertation über Heinrich Lersch, zu deren Bearbeiter ich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre losen Kontakt hatte. Sie ist nicht zu Ende geführt worden, so dass der Beweis gewissermaßen noch erbracht werden kann. Ich bin interessiert an allem, was mir hilft, die Fremdheit am Werk meines Großvaters zu überwinden.
 

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